Trauma & Gehirn

„Trauma macht sprachlos und Worte zu haben
für das Erlebte ist Integrationsarbeit..."

 

Erkenntnisse der Hirn- und Traumaforschung

Um Folgen und oft therapieresistent erscheinende Symptome im Rahmen posttraumatischer Störungen (PTBS) zu verstehen, die einige Wochen bis Monate aber auch erst Jahre nach einem Trauma auftreten und Monate, Jahre und Jahrzehnte bestehen bleiben (können), ja, sich sogar unbehandelt oft noch verschlimmern, schauen wir uns kurz die "neueren" Erkenntnisse der Hirn- und Trauma Forschung an... um daraus ein Verständnis zu bekommen, was Trauma und die Folgen mit unseren Gehirnen macht, aber auch um zu verstehen, welche Einflüsse das unverarbeitete Trauma auf unser:

    • Denken
    • Fühlen
    • Handeln
    • Steuern
    • Verarbeiten
    • Erleben
    • Lernen / Speichern - Erinnern - usw.) nimmt.

Keine Sorge...

ich habe es mir auch ein paar mal "einverleiben" müssen, mit anschließender Feldstudie, ehe ich es auch so wirklich begriffen habe. Ich persönlich finde immer wieder aufs Neue interessant, was Prof. Dr. Gerald Hüther als Neurobiologe und Gehirnforscher sagt. Natürlich höre ich auch wo anders zu und rein wenn es um Trauma und was es mit uns Menschen macht, geht: Michaela Huber, oder Peter A. Levine und sehr lesenswert ist, so finde ich, Bessel van der Kolk mit "Verkörperter Schrecken" (Originaltitel: "The Body keeps the Score - was so viel meint, wie der Körper speichert alles an Erinnerung ab). Dennoch muss ich schon sagen, dass ich Herrn Hüther besonders gerne lausche, wenn es um die folgenden Vorgänge geht, denn ich mag vor allem, wie er die Dinge sagt und erklärt, so schön >>limbisch<<, wie ich finde - da ist dann weghören für mich schon irgendwie eine Herausforderung. Bei Daniel Paasch - meinem "Lehrer" für Kinder- und Jugend-Coaching geht es mir ähnlich.

Ein für mich recht lesenswertes Buch war zum Beispiel auch das von "Norman Doidge - Neustart im Kopf", speziell was die Neuroplastizität und die nutzungsabhängige Strukturierung unserer Gehirne angeht - meine Saunalektüre Winter 2018/2019.

Grundlagen der Hirnforschung

Grundlagen der Hirnentwicklung - Neuroplastizität (kurze Einführung)
Das Gehirn des Menschen entwickelt und strukturiert sich (selbst) so, wie es genutzt wird und bisher - also seit der Geburt und im weiteren Verlauf der Sozialisation - gebraucht und verwendet wurde. Dies wird dann als die nutzungsabhängige Strukturierung der Gehirne beschrieben. Die Bindungsforschung weiß - nachdem die Genforschung dies schmerzlich bestätigen musste - Bindung = 100% Umweltbedingt und diese Umweltbedingungen bestimmen eben unsere Persönlichkeitsentwicklung. Was auch sonst das Lernen betrifft so gelten im Gehirn anscheinend recht einfache Regeln:

    • Use it, or loose it
    • Cells that Fire together - wire together

was so viel meint wie, dass wir mit einem Überangebot an Gehirnzellen zur Welt kommen und diese wie unverdrahtete Telefone erst verschaltet werden müssen (sehr einfach betrachtet). Also, verdrahten und verdrahten und verdrahten, was gerade in der ersten Zeit des Lebens geschieht. Überangebot - es ist unmöglich, alles zu verdrahten und so wird dann irgendwann begonnen, überschüssige "Telefone" aufzugeben. Weiter ist es so, dass sich dann die Zellen, die miteinander in Kontakt kommen durch Stimulation beginnen, sich zu verbinden und zu vernetzen - und je mehr diese Verbindungen dann genutzte werden, umso intensiver die Verbindungen. All das ist ein dynamischer, lebenslänglicher Prozess - ähnlich einem Straßenverkehrs-Netz.

Die moderne Forschung und Neurowissenschaftler wie Prof. Dr. med. Gerald Hüther, Uni Göttingen (veröffentlichte mehrere Bücher) oder Prof. Dr. med. Manfred Spitzer, Uni Ulm (Video und Bücher) und andere sprechen vom Gehirn als einem sich selbst strukturierenden und organisierenden neuronalen Netzwerk - kurz von „Selbstorganisation“ des menschlichen Gehirns, von „Neuroplastizität“.

Neuroplastizität des Gehirns und die nutzungsabhängige Strukturierung

Die neuronalen Verschaltungen im Gehirn des Neugeborenen sind bei der Geburt keineswegs von vornherein festgelegt. „Nur“ die Fähigkeit zur Vernetzung oder auch „Verdrahtung“ und somit die Lernfähigkeit an sich, sowie basale Reaktionsmuster zum Überleben sind genetisch determiniert - Reflexe - hier greift dann auch das Reflexintegrationstraining für die Kinder ein - wenn diese basalen Muster nicht vollständig zurückgebildet oder bei der Geburt durchlaufen werden - vielleicht weil eine Kaiserschnitt dies anders geschehen ließ. Als Neugeborene kommen WIR mit einem Überschuss an Nervenzellen zur Welt (damit für jeden auch genug da ist), die sich im Laufe der Zeit auch zurückbilden können, wenn sie ungenutzt bleiben, wie wir oben schon gehört haben.

Entwicklungsbiologisch ist dies sinnvoll und notwendig. Wie sollten sich Kinder in Afrika, bei den Eskimos oder in den modernen Industrienationen sonst so entwickeln können, dass sie sich in den so unterschiedlichen Lebensräumen und Kulturen situationsgerecht entwickeln, anpassen und leben könnten, wenn ihre Gehirne nicht weitestgehend „unverdrahtet“ und dadurch eben hoch lernfähig zur Welt kämen. Angenommen ich würde mit meinem aktuellen Gehirn in den Urwald gehen - dann wäre das ebenso problematisch, wie wenn ein "Urwaldgehirn" nach Altötting kommen würde.

Was passiert in traumatischen Situationen genauer im Gehirn?

Wie sich die einzelnen Neuronen / Nervenzellen durch Aussprossung von Nervenfortsätzen (Dendriten) und neuer Synapsen Bildung verbinden und Informationsnetzwerke ausbilden und sich damit das Gehirn und seine geistigen, emotionalen, sozialen und die Steuerung der körperlichen Fähigkeiten des Individuums entwickeln, ist abhängig von den Nutzungsbedingungen, die das Gehirn des betreffenden Menschenkindes vorfindet oder anders ausgedrückt, in die es hineingeboren wird und darin lebt - also die Sozialisation dieses "Gehirns" ist entscheidend.

Es ist also der Erlebnis- und Informations-"Cocktail", sozusagen die benutzte „Software“ die die Fähigkeiten des Gehirn-“Computers“, also die „Hardware“ beeinflusst, bzw. sogar „programmiert“ - anfangs sind dafür eben diese Reflexe zuständig, die dafür sorgen, dass wir eine "innere Landkarte" unseres Körpers bekommen.

Diese Neuroplastizität bedeutet, dass das menschliche Gehirn zeitlebens jedoch besonders in Kindheit und Jugend formbar wie eine Wachstafel (Buttermodel nennt man das bei uns in Bayern) ist. Besonders in der Kindheit werden als basale Erfahrungen positiver oder negativer Art, je nach Häufigkeit und emotionaler Intensität (pos. / neg. Stress) auch zu basalen Reaktionsmustern herausgebildet oder geprägt. Insbesondere die Erfahrung von sicherem, unsicherem, diffusem oder gar bedrohlichem Bindungsverhalten der wichtigsten Bezugspersonen - meist Mutter - beeinflusst die Hirnentwicklung des Säuglings und dann des Kleinkindes und später auch des Erwachsenen, maßgeblich.

Sind solche Muster erst einmal hirnstrukturell organisiert (Cells that fire together - wire together), so sind sie recht schwer (weil basal) nur zu verändern, wenn dafür später im Leben Bedarf besteht, z.B. weil sie die Überlebensreaktionen auf tief greifende Bindungsstörungen, oder Misshandlungserfahrungen in Form von Vernachlässigung, physische oder sexuelle Gewalt oder andere traumatische Erlebnisse waren, die das Fühlen, körperliche Spüren, Handeln und Denken in dieser Zeit geprägt haben.

In traumatischen Situationen speichert das Gehirn also - meist in fragmentierter Form - sensorische Teilaspekte des Traumas und emotionale und vegetativ-körperliche Reaktionen des Menschen darauf.

Bei sequentiellen Traumatisierungen werden durch die Häufigkeit der bedrohlichen Erlebnisse (>>Nutzungsbedingungen<<) „Überlebensreaktionen“ im Denken, Fühlen, Spüren und Handeln durch die sich verstärkende Bahnung zu immer stärkeren Mustern im neuronalen Netzwerk festgelegt und sind dann auch dementsprechend leicht triggerbar - auslösbar.

Das Gehirn strukturiert sich, also wie Knetmasse den Bedingungen entsprechend es bildet und automatisiert Überlebensreaktionen, wie z.B. schnelles Anfluten von Erregung / Angst (Stressreaktion mit Flucht- und Kampftendenzen) und an der Spitze der Angst, Dissoziation (Abschalten, Wahrnehmungsveränderungen,...), auf die es später auch reflexartig zurückgreift, oft schon bei kleinen alltäglichen Stress-Anlässen.

Die Anpassungsleistung im Sinne des Überlebens sind zum Teil beeindruckend, während andererseits diese so entstandenen Muster zum Gestalten eines „normalen“ Lebens unzureichend und oft hinderlich sind. Die so entstandene chronische Stressverarbeitungsstörung - DESNOS = "Disorder of Extrem Stress Not Otherwise Specified" - ist Hauptursache für die Ausprägung vieler Symptome im Denken, Fühlen und Handeln, der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit und schweren Persönlichkeitsveränderungen. Traumatisierte Menschen sind häufig auch Überlebenskünstler.

Derzeitige Forschungsergebnisse und Erkenntnisse u.a. durch bildgebende neuro-radiologische Verfahren wie PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und SPECT und fMRT weisen darauf hin, dass es angesichts von traumatischen Ereignissen zu hirnphysiologisch bedingten Blockaden der Informationsverarbeitung und -speicherung dieser von massivem Stress begleiteten Informationen im Gehirn zu kommen scheint. Insbesondere die Zusammenarbeit von rechter und linker Hirnhemisphäre ist unterbrochen.

Die rechte Hemisphäre ist für primär-prozesshafte Wahrnehmung, Gefühlsgenerierung wie Angst, Trauer, Verzweiflung, Wut, Feindseligkeit und emotionale Kommunikation und schliesslich für eine diffuse-ganzheitliche Wahrnehmungsbildung zuständig. Die linke Hemisphäre (bei Rechtshändern sog. dominante) hingegen für spektakulär-prozesshaftes Denken, Orientierung zu Zeit-Ort-Situation-Person, Sprachbildung (Narrationen bilden), sprachliche Kommunikation, insgesamt also für die rationale Verarbeitung und Generierung neuer Bilder.

Das heisst, dass es durch eine angstinduzierte zu hohe Aktivität des Mandelkerns zu einer „Überflutung“ des Gehirns mit negativen Emotionen und Stress kommt und es dadurch zu einer Abspaltung emotionaler und sensorischer Aspekte des Geschehens vom Bewusstsein kommt und damit zu einer Verhinderung deren Integration in Gedächtnis und Identität.

So lässt sich sagen, dass neben Schock, Angst und den damit einhergehenden körperlich-vegetativen Angstäquivalenten (Tachykardie, Atembeschleunigung u. Luftnot, Schwindel bis hin zu nahender oder tatsächlicher Ohnmacht, Zittern, Schwächegefühlen in Beinen u. im Körper etc...) vom Gehirn, wie schon erwähnt, alle Sinneseindrücke (Sinnesorgane im engeren Sinn und viszerale Körperempfindungen wie Schmerz, Muskelspannungen, Übelkeit usw...), der äussere Traumakontext (Tageszeit, Raum- u. Lichtverhältnisse, weitere Umgebungsfaktoren), Gefühle u. Affekte und Kognitionen (traumabegleitende meist negative Gedanken) und auch die autoprotektiven Schutzmechanismen (s.oben) offensichtlich fragmentiert und oft vom traumatischen Gesamtgeschehen abgespalten gespeichert werden. Dieser physiologische Vorgang kann als „komplexe Dissoziation“ bezeichnet werden.

Traumafragmente werden - metaphorisch gesprochen - wie die Splitter eines zersprungenen Spiegels oder einzelne Mosaiksteine eines zerborstenen Mosaiks isoliert bzw. dissoziiert gespeichert und damit ihrer Zusammengehörigkeit und Zuordnungsmöglichkeit entkleidet. Die Weiterverarbeitung im neuronalen Netzwerk scheint blockiert oder „eingefroren“ zu sein. Damit misslingt die Integration des traumatischen Ereignisses als zukünftig nutzbare „Lernerfahrung“ in die Persönlichkeit.

Solche „Spiegelsplitter“ sind offensichtlich auch die autoprotektive „Wahrnehmungsstörung“ mit ihrem Schutz- bzw. „Abwehrmechanismus“ der Spaltung / Dissoziation und die vorangegangene Angst, ebenso wie eine unter Umständen eingetretene schockinduzierte Ohnmacht und / oder Amnesie, die jeweils engrammiert (Neurowissenschaft - Engrammierung = dauerhafte Informationsspeicherung im Langzeitgedächtnis = Einbrennen) werden. Es können daneben aber durchaus partielle Traumabilder oder Szenenabläufe gespeichert werden, die später als ängstigende „Flashbacks“ oder belastend bleibende filmartig ablaufende Erinnerungen als Hypermnesien (Intrusionen) auftauchen.

Das bedeutet, dass diese im Gehirn einprogrammierten alten nicht weiter „verdauten“ Informationen im Hier und Jetzt in diesen unterschiedlichen Qualitäten auftauchen / abgerufen werden können. Das passiert meistens durch sogenannte „Trigger“ - Situationen (Auslöser), die von den Betroffenen nicht ohne weiteres erkannt oder zugeordnet werden können, so dass diese häufig an einem Wechsel von Symptomen und Phänomenen leiden. Einige Symptome und auffällige Verhaltensweisen entstehen auch aus der phobischen Vermeidung angst-, missempfindungs- oder dissoziationsauslösender Trigger-Reize und Situationen. Wir sprechen hier von Konstriktion.

Speicherung traumatischer Erelbnisse im Gehirn

>>Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind also oft im Gedächtnis eingefrorene, fragmentierte, unvollständige und zum Teil amnestische oder teilamnestische, also oft „nicht konkrete Erinnerungen“, die im impliziten Gedächtnis emotional und als Körperreaktion (body-memory) abgespeichert sind, aber keine kognitive einordnende oder bildhafte Repräsentation beinhalten. Sie können daher auch lange Zeit als „fehlende Erinnerungen“ bestehen, viele „unerklärliche“ Symptome auslösen oder aufrecht erhalten und durch bestimmte Trigger plötzlich wieder als Flashbacks auftauchen und deutlicher werden.<<

>>Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind also oft im Gedächtnis eingefrorene, fragmentierte, unvollständige und zum Teil amnestische oder teilamnestische, also oft „nicht konkrete Erinnerungen“, die im impliziten Gedächtnis emotional und als Körperreaktion (body-memory) abgespeichert sind, aber keine kognitive einordnende oder bildhafte Repräsentation beinhalten. Sie können daher auch lange Zeit als „fehlende Erinnerungen“ bestehen, viele „unerklärliche“ Symptome auslösen oder aufrecht erhalten und durch bestimmte Trigger plötzlich wieder als Flashbacks auftauchen und deutlicher werden.<<

Weitere neurophysiologische / biologisch-anatomische Hypothesen

Wie schon weiter oben angeklungen, gibt es in unserem Gehirn parallel arbeitende Subsysteme für die Stressverarbeitung, ähnlich wie - metaphorisch gesprochen - die Musiker in einem Kammerorchester jeweils andere Instrumente beherrschen, sie jedoch zusammen ihre Stücke spielen. Hippocampus und Amygdala liegen im limbischen System. Sie sind diese beiden Reizverarbeitungs- bzw. -speichersysteme in unserem Gehirn, die wir als den „kühlen“ und den „heissen“ Informationsspeicher bezeichnen können. Sie verarbeiten Reize, vor allem Stresserfahrungen in unterschiedlicher Weise. Die Amygdala ist unser „Frühwarnsystem“, das entwicklungsbiologisch früher angelegte und primitivere, der Hippocampus das später entwickelte und differenzierte System. >>Es bestehen enge Verbindungen zum Broca-Sprachzentrum und zum Thalamus<<

Das „kühle Hippocampus-System“ stellt eine Art geordnetes Archiv oder „Bibliothek“ (Indexdatei) dar. Es ist unser biographisch und zeitlich geordnetes, explizites Gedächtnis. Dort werden / sind Informationen sprachlich ausdrückbar (narrativ), episodisch geordnet, kognitiv überprüfbar, gut geschützt und emotional wenig antriggerbar, also moderiert verarbeitet und gespeichert. Unter plötzlichem oder auch unaufhaltsam anschwellendem traumatischen Stress (traumatische Zange) kommt es zu einem „Kurzschluss“ oder versagen der geordneten Speicher- und Abrufmöglichkeiten im Hippocampus. Der Volksmund spricht in passender Weise davon, dass jemand „den kühlen, klaren Kopf verloren hat“, wenn er unkontrolliert nur von überschiessenden Affekten getrieben reagiert.

Exkurs: in der forensischen Psychiatrie wird im Rahmen von Schuldfähigkeitsfragen diesem Phänomen Rechnung getragen. Der Begriff der „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“ umreisst eingeschränkte oder gar völlige Schuldunfähigkeit (§§ 21, 20 StGB), da jmd. der in diesem Zustand eine Straftat begeht, nicht in der Lage ist das Unrecht seiner Tat zu erkennen oder nach dieser Einsicht zu handeln („Affekttat“. Das heisst, der Gesetzgeber gesteht zu, dass jemand, d.h. ein „Täter“ unter hohem >>emotionalen Stress<< nicht richtig wahrzunehmen, zu denken, zu handeln in der Lage ist. Interessanter- bzw. perfiderweise werden diese Erkenntnisse und Maßstäbe „Opfern“ nicht zugestanden, wenn sie sich unter großer Angst und Bedrohung nicht präzise äußern, bzw. erinnern können. Von ihnen wird „erwartet“, dass in einer schweren Affektsituation (Todesangst) keine „tiefgreifende Bewusstseinsstörung“ auftritt, andernfalls sind sie „unglaubwürdig“!!!

Die „hitzköpfige“ Seite können wir dem „zweiten“ Spieler in unserem Orchester zuordnen.
Das „heisse Amygdala-System“ speichert emotional radikale Erfahrungssplitter, d.h. Sinneseindrücke ungefiltert und pur. Es ist unser implizites Gedächtnis mit fragmentarischer Speicherung der komplexen Stressreize und der dazugehörigen affektiven „Begleitmusik“, ohne Raum-Zeit-Zuordnung (also auch ohne biographische Zuordnung - Index), bei gleichzeitiger Supprimierung (unterdrücken-hemmen-zurückdrängen) des Broca-Sprachzentrums und Unterbrechung der Verbindung zum Thalamus ohne verbale Ausdrucksmöglichkeit, also nicht narrativ. Der Volksmund beschreibt diesbezüglich derartige, affektiv hoch aufgeladene Situationen treffend mit:

      • "Am Falschen Fuß erwischt"
      • „Es verschlägt einem die Sprache“
      • „Dafür fehlen mir die Worte“
      • „Es macht mich sprachlos“
      • usw., ...

Die in die Amygdala eingehenden und gespeicherten Informationen sind kognitiv nicht überprüfbar und als „Hier und Jetzt Erleben“ leicht triggerbar, so dass heftige „hysterische“ Reaktionen auch nach Jahren in der Amygdala „unabgekühlt“ immer wieder abgerufen, nicht aber weiter verarbeitet werden können. Anders ausgedrückt handelt es sich um ein „übersensibilisiertes Alarmsystem“, das (aus Schutzgründen) im Körper dann auch zu früh und zu schnell Alarm schlägt.

>>Flashbacks und Intrusionen fühlen sich nicht an „wie damals“, sondern so, als wenn es „gerade jetzt“ (wieder) passiert!<<

Dabei - so war bereits verstehbar - strukturiert sich das Gehirn im Sinne eines sich ständig verändernden neuronalen Informationsnetzwerkes anhand des von aussen eintreffenden „Inputs“ selbst.

Dies geschieht besonders intensiv in der Kindheit und Jugend, in abgeschwächter Form jedoch ein ganzes Leben lang, v.a. immer dann, wenn die emotionalen Zentren unseres Gehirns in den limbischen Regionen stark aktiviert sind. Der Volksmund nennt das „wenn uns etwas unter die Haut geht“ - dann findet eben auch, wie Gerald Hüther sagt, lernen statt - und was das Gehirn dann lernt ist dem Gehirn leider egal - es lernt.

In der modernen Sprache des elektronischen Informationsverarbeitungs-Zeitalters heißt das, „die Software verändert / moduliert die Hardware“, das Gehirn lernt und passt sich immer ein wenig nach dem Prinzip von:

    • Häufigkeit
    • emotionaler Intensität und
    • Bedeutung an die Erfahrungen

(hier Traumata gemeint) an und entwickelt entsprechende Reaktionsschemata. Eine solche Anpassung an v.a. lang anhaltende und sich oft wiederholende Traumata lassen sich als „Überlebensreatkionsschemata“ verstehen.

Stark, v.a. sequentiell traumatisierte Menschen sitzen sinnbildlich oft noch auf den „heissen Vulkanen“ ihrer Hirnlandschaft - Benedetti spricht in seinem berühmten Buch von „Todeslandschaften der Seele“, meint jedoch schizophren erkrankte Menschen damit zu beschreiben - und müssen, ebenso wie ihre Therapeuten, ständig mit Ausbrüchen (Symptomen) rechnen. Dadurch werden häufig beide erneut traumatisiert.

Wenn Traumata aus besagten neurobiologischen Gegebenheiten im Nachhinein also nicht (ohne spezielle, diesen Erkenntnissen Rechnung tragende Traumatherapieverfahren) zu einem ganzen Bild bzw. einer „abgeschlossenen Geschichte“ (dem damaligen traumatischen Erlebnis) mit >>Anfang-Verlauf-Ende und Bedeutung<< wieder zusammengefügt, reassoziiert, also wie andere Erlebnisse in unserem Leben einer hirnphysiologischen (Nach-) Verarbeitung im Hippocampus zugeführt werden können, verbleiben sie als „Traumafragmente“ offensichtlich im frontalen Kortex „heiss“ gespeichert und wirken so als konditionierte Reize zusammen mit von aussen neu ankommenden unkonditionierten Reizen / Stressoren in der Amygdala alarmauslösend und im Stammhirn Stress, d.h. die körperliche Flucht- und Kampfbereitschaft auslösend.

Traumata und traumatische Stressreaktionen können also in alltäglichen Situationen des Betroffenen durch verschiedenste Schlüsselreize >>angetriggert<< und wieder pur und ungedämpft spürbar werden. Erleben und Verhalten werden dadurch strak beeinflusst und verzerrt, oft ohne dass die betreffende Person den Zusammenhang für die irritierenden, ängstigenden Sinneseindrücke oder Veränderungen der Wahrnehmung und Reaktion einzuordnen in der Lage wäre.

Auch Gefühle von:

    • plötzlicher Hilflosigkeit
    • Ausgeliefertsein
    • Sich-nicht-mehr-rühren können,
    • Sich-nicht-wehren-können
    • oder Nicht-reagieren-können
    • Depressionen
    • Suizidimpulse
    • Schmerz- und andere Körper Missempfindungen

tauchen so kontextentkleidet und unerwartet immer wieder auf. Sie führen zu erheblichen Beeinträchtigungen der betroffenen Menschen im Hier und Jetzt, oft ohne, dass diese sich die Entstehung dieser bewusst sind - besonders bei den Bindungstraumatisierungen ist dies zu beobachten.

KriTheCo - Krisenintervention-Therapie-Coaching

Alexander Weindl

Praxis für Psychotherapie
Traumatherapie & Traumapädagogik
Kinder- und Jugendlichen-Coaching
Elternberatung
Auf der Grundlage des Heilpraktikergesetz
In Altötting seit 2011

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